Max, deine Arbeit als Theater-Künstler gestaltet sich facettenreich: du tanzt in zeitgenössischen Produktionen, erarbeitest als Regisseur und Choreograf abendfüllende Produktionen, hast zuletzt mit der Engelsrepublik eine interdisziplinäre Performance in Szene gesetzt, bei denen tanzunerfahrene Jugendliche mit ausgebildeten Tänzern gemeinsam auftreten, entwickelst internationale Künstlernetzwerktreffen für die Freie Szene, konzipierst Ausstellungen und bist in verschiedenen Kontexten als Bildender Künstler, Kurator und Theatermacher in Osteuropa und Russland unterwegs. Wie würdest du deinen Zugang zur Bühne beschreiben?

 

Mit dem Tanz, dass war ein Unfall (lacht). Ich denke ich hatte Glück, dass ich zu Beginn meiner Laufbahn kein Tänzer werden wollte. Ich habe auch keine schulische Technik gelernt, sondern entwickelte mich vom Poeten zum Choreografen. Allerdings war der Tanz für mich immer schon ein Impulsgeber. Als Sohn einer anerkannten Duisburger Choreografin und Tanzpädagogin bin ich in einer Tanztheaterwerkstatt aufgewachsen.

 

Was meinst Du damit, dass du kein Tänzer werden wolltest?

 

Na, ja. Im Grunde kann ich sagen, dass ich mich vom Tanz abgewendet habe um den Tanz für mich selbst neu zu entdecken. Zu dem Zeitpunkt war mir das aber noch nicht klar. Aufgrund meines Elternhauses war mir der Tanz einfach zu vertraut. Ich bin mit den Stücken meiner Mutter im Stadttheater Duisburg und bei den Duisburger Akzenten großgeworden. Bevor der Film "Rhythm is it" in die Kinos kam und Royston Maldoom zu einem Star-Choreografen wurde fanden in Duisburg jedes Jahr die Europäischen Jugendtanzfestivals unter der Leitung meiner Mutter und Royston statt. Bei diesem Festival war ich als jugendlicher Tänzer von 1990 bis 1994 aktiv und kam in Kontakt mit der Methode des Community Tanzes. Eine Erfahrung die meine eigene Arbeit beeinflussen sollte. In den folgenden Jahren ließ ich die Worte tanzen und reiste als junger Slam Poet bis zum European Poetry Slam 2005 nach Nijmwegen. Bei diesem Event nahm ich an einem Workshop teil der Poetry-Slammer, Musiker und Videokünstler zusammenbrachte. Nach einer erfolgreichen Tour durch Deutschland und die Niederlande reifte in mir die Idee meine Poesie in andere Kunstformen zu übertragen. Mit dem Anspruch an die Kunst universell zu sein reiste ich zu den Kollegen nach Osteuropa und begann mit tschechischen, deutschen und holländischen Künstlern eine Performancegruppe aufzubauen. Als Kopf der Gruppe war der Tanz für mich wieder ein Thema, jedoch mehr als ein Dialog zwischen den Kunstformen. Stück für Stück eroberte ich mir den Tanz zurück. Als Tänzer sehe ich mich bis heute nicht.

 

Als bewährter Choreograf wurdest Du jüngst mit dem Projektpreis Kinder und Jugendkulturland NRW 2015 ausgezeichnet. Meinst Du Deine Praxis ist ein Vorbild für die jungen Performer? Immerhin hast Du ja nicht Kunst, sondern Politikwissenschaft studiert.

 

Als Heranwachsender suchte ich die Nähe des theaterfernsten Milieus das ich finden konnte. Mitte der Neunziger Jahre arbeitete ich an einer Karriere als Rap-Poet. Rückblickend ist die Erinnerung an die Zeit als Kulturverweigerer jedoch auch ein Erfahrungsschatz, insbesondere wenn ich mit jungen Performern zusammenarbeite die noch nie auf der Bühne standen und dem „Tanz“ eher skeptisch gegenüber stehen. Den jungen Männern kann ich dann sagen: „Hört zu, wir machen kein Ballett und kein Breakdance, keinen Jazz und keinen Standardtanz, wir machen Kunst, fernab von vorgeschriebenen Bewegungsmustern, vom Tanz-Klischee und von Casting-Shows!“

 

Junge Männer und Tanzperformance und dann kein Hip-Hop, dass stelle ich mir schwierig vor. Wie bringst Du die jungen Leute in Bewegung? Womit motivierst Du sie?

 

Ich erinnere mich an meine Jugend und meine Anti-Motivation gegenüber dem Tanz. Als ich den Wunsch zu tanzen in mir selbst bekämpfte, stieg mein Interesse an der Kampfkunst. Die Verbindung von Kampf und Tanz ist für mich ein Werkzeug eine Brücke zwischen den Bewegungskünsten. Historisch gesehen liegen beide Disziplinen eng aneinander. Aber um auf Deine Frage zu antworten: Gegenüber den jungen Performern verstehe ich mich mehr als Motivator und Bühnenangstnehmer. Ich arbeite viel mit poetischen Bildern, mit Sprache und politischer Geschichte. Manchmal lasse ich auch das Warm-Up in meinen Projekten weg und choreografiere Bewegungen die direkt aus der Kampfkunst entspringen. Eine Redakteurin der WAZ betitelte den Ansatz mal als "Tanz-Poet". Ich glaube das umschreibt den Bewegungsgrund.

 

Du führst Regie, schreibst Texte, choreografierst, zeichnest, machst Videos, fertigst Installation und fügst dann alles in einer Inszenierung zusammen und die Finanzen hast Du auch im Griff. Gibt es überhaupt noch etwas was Du aus der Hand gibst?

 

Für mich ist die Kunst ein Gesamtprojekt. Da ich als Autodidakt arbeite habe ich keine Berührungsängste mit Genregrenzen oder dem Management. Es ist ja so, dass ich alle Künstler zu meinen Produktionen persönlich einlade und auch bezahle. Im Vorfeld kümmere ich mich also um das Konzept besorge die Finanzierung und platziere die Produktion auf einer guten Bühne. Im zweiten Schritt überlege ich mir wer mit wem in welcher Formation zusammenarbeiten könnte. So sind meine Workshops auch immer Netzwerktreffen und Kontaktbörsen. Manchmal fahre ich bis nach Litauen oder Russland und initiiere Künstlertreffen um neue Talente kennenzulernen. Wobei es für mich absolut nicht wichtig ist, ob jemand eine Ausbildung gemacht hat oder nicht, wenn ich das Gefühl habe das die Person in das Produktionsteam passt lade ich die Person ein. Bislang habe ich mit der Methode immer gute Erfahrungen gemacht. So tanzen Musiker, Videokünstler machen Musik, Fotografen werden zu Performern und Tänzer fertigen Installationen. Ich gebe jedem Teilnehmer die absolute Freiheit sich auszudrücken. Ich gebe alles aus der Hand um die Dinge geschehen zu lassen. Dann kommt der Moment wo ich als Regisseur die Entscheidungen treffe. Bildlich gesprochen nehme ich einen Stock und biege ihn an beiden Enden. Kurz bevor der Stock zerbricht lasse ich los. Die Vibration des Holzes ist die Regie der Performance. Einige Performer schätzen diese Art zu arbeiten und kommen seit rund 10 Jahren aus Osteuropa, andere kommen einmal und nie wieder.

 

Warum kommst Du immer wieder auf Osteuropa zu sprechen?

 

Als ich ohne Ausbildung eines künstlerischen Bühnenberufes in Deutschland angefangen habe Kunst zu machen, waren mir die meisten Türen zu Ausstellungen und Veranstaltungshäusern verschlossen. Es galt der Satz eines Theaterdirektors, Choreografen studieren Tanz und Schauspieler lernen das Theatermachen an einer Hochschule. Für Künstler gibt es demnach nur zwei Möglichkeiten. Entweder man macht es so wie alle es tun und studiert Kunst oder man verweigert sich dem Kunstbetrieb und macht es auf seine Art. Zu diesem Zeitpunkt spürte ich das Deutschland nicht der Ort für eigene Experimente war. Deutschland war mir zu Kunstüberfrachtet. Osteuropa war spannend, politisch aufgeladen und durch das Erbe des Kommunismus vorbelastet. Ich fand es ungemein interessant in ein neues Land zu reisen und weder die Leute noch die Regeln zu kennen unter denen man Kunst macht. So habe ich in Duisburg Politikwissenschaft studiert und meine künstlerischen und choreografischen Erfahrungen mit Projekten in Osteuropa gesammelt. Duisburg war für mich immer ein Rückzugsraum. Hier konnte ich ungestört arbeiten. 

 

Inspiriert Dich Duisburg und damit meine ich auch das Ruhrgebiet zu neuen Produktionen?

 

Duisburg ist eine Drehscheibe für Ideen und Kulturen, dass finde ich wichtig und spiegelt meine Arbeitsweise auch wieder. Im übertragenen Sinne ähnelt meine Methode dem Hafen, ich bringe Künstler mit ihren kreativen Waren zusammen und rege zum Ausstauch auf internationaler Ebene an. Wenn wir von Duisburg und dem Hafen reden dürfen wir jedoch nicht vergessen, das Duisburg auch eine junge Stadt ist, gemessen an dem Alter der Einwohner, so unser Kulturdezernent. Allerdings sind die jungen Duisburger mitunter theaterfern und haben kaum einen Zugang zu den Spielstätten der Hochkultur. Diesen Beweggrund finde ich inspirierend und beschreibend für Duisburg und das Ruhrgebiet. Vor diesem Hintergrund halte ich die Schulkultur für einen wichtigen Ideengenerator zu neuen Produktionen. Aus meiner Sicht sollte ein Künstler sich von seinem Standort inspirieren lassen und hat auch die Verantwortung die Jugend in die eigenen Produktionen miteinzubeziehen. In diesem Zusammenhang wichtig zu nennen sind auch die Landesprogramme Kulturrucksack NRW, Kultur und Schule und  Kulturagenten. Wo wir wieder bei der Idee des Community Tanzes wären. Kunst ist etwas Gemeinsamens. Kunst braucht Teilhabe das sollten wir nicht vergessen.

 

26.8.2014